Aktuelles aus der Gemeinde: Gemeinde Leingarten

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Archäologische Untersuchungen in Leingarten: Siedlungsbestattungen der Kelten

Autor: Hirsch & Wölfl GmbH
Artikel vom 06.09.2016

Ein recht merkwürdiges Phänomen, das sich im Übrigen gehäuft in frühkeltischer Zeit findet, stellen Siedlungsbestattungen dar. Der Tote wird hierbei nicht wie sonst üblich in einem separat gelegenen Friedhofsareal zur Ruhe gebettet, sondern innerhalb der Ansiedlung in ehemaligen Vorratsgruben und Getreidesilos niedergelegt oder, wie einzelne Befunde zeigen, mitunter regelrecht hinein geworfen.
Im Heilbronner Raum sind bislang sechs solcher Bestattungen zutage getreten.

Mit den neuen Funden aus Leingarten hat sich deren Zahl nun mehr als verdoppelt, konnten in den letzten Monaten doch neun weitere Beisetzungen dieser Art aufgedeckt werden. Bei einer weiteren Grube mit menschlichen Überresten blieb die Fundsituation unsicher, so dass der Befund hier nur am Rand erwähnt sei.

Die neun Bestattungen begegneten durchweg in umgekehrt trichterförmigen Gruben von über 2 m Tiefe und bis zu 2,60-3,00 m Durchmesser, die aufgrund ihrer Form als ehemalige Getreidesilos anzusprechen sind. Alle Gruben waren bis oben hin mit Siedlungsschutt und -abfall verfüllt, wie er auch in den sonstigen Siedlungsgruben begegnet. Auffallend ist die Lage der Gruben, traten sie doch – einschließlich des oben genannten unsicheren Fundes - allesamt am Südrand der Ansiedlung zutage. Da wir die Ausdehnung des Dorfes nach Norden hin nicht sicher fassen können, bleibt vorerst unklar, ob hierbei die Südausrichtung oder einfach nur die Randlage ausschlaggebend war. Jedenfalls deutet sich an, dass ganz bewusst der Ortsrand für solche Beisetzungen gewählt wurde.

Die neun Toten waren auf drei Gruben verteilt. In einer Grube fanden sich zwei in einer weiteren drei und in einer dritten Grube gar vier vollständige Skelette. Die meisten der Bestattungen traten im unteren Teil der Gruben zutage, sie lagen jedoch in keinem Fall direkt auf der Grubensohle. Vor der Beilegung war stets bereits eine 10-20 cm dicke Schicht mit Siedlungsschutt eingefüllt worden. Auf dieser Schicht waren sodann in der Regel mehrere Körper gebettet, wobei die gleichartige Tiefe wohl für eine relativ gleichzeitige Niederlegung spricht. Nur in einem Fall war ca. 50 cm oberhalb zweier Bestattungen zu einem späteren Zeitpunkt ein dritter Leichnam eingebracht worden. Es ist der einzige Befund, bei dem die Lage mit ausgestreckten Armen und Beinen den Eindruck erweckte, als hätte man den Körper in die Grube geworfen. Ansonsten waren die Toten vergleichsweise sorgfältig in Rückenlage, mitunter auch leicht auf der Seite liegend in die Gruben gelegt worden. Sie fanden sich dabei stets ganz am Rand der Gruben, was wohl nicht zuletzt damit zu tun haben könnte, dass die „Totengräber“ selbst etwas Bewegungsfreiheit im Mittelteil der Gruben benötigten. Schließlich mussten die Leichname in die über zwei Meter tiefen und sich zudem nach oben verjüngenden Gruben, die sicherlich nur mittels einer Leiter zugänglich waren, herabgelassen oder hinuntergereicht werden.

In den regulären Gräberfeldern sind die Bestattungen in der Regel Nord-Süd orientiert mit dem Kopf im Süden. Auch unsere Siedlungsbestattungen zeigen mehr oder weniger eine Nord-Süd-Ausrichtung, wenn auch mit größerer Schwankungsbreite. Die Lage des Kopfes scheint hier jedoch keine Rolle zu spielen, war doch die Hälfte der Toten mit dem Kopf nach Norden niedergelegt worden und zwar unabhängig von Alter oder Geschlecht. Die gängigen Bestattungsregeln galten hier demnach nicht oder nur in eingeschränkter Form.

Unter den Bestattungen sind abgesehen von Säuglingen und Kleinkindern alle Altersklassen vertreten. Funf der Toten waren Kinder im Alter von 5-12 Jahren. Bei den vier Erwachsenen fanden sich jüngere Individuen, solche mittleren Alters und eine offensichtlich hochbetagte Person. Zwei der Erwachsenen gaben sich ebenso wie das Individuum aus dem unklaren Befund aufgrund der Beifunde als Frauen zu erkennen, bei den beiden anderen, darunter eine mit ca. 1,85 m recht große Person, dürfte es sich um Männer handeln. Gewissheit wird freilich erst eine nähere anthropologische Bestimmung bringen.

Wie bereits angemerkt begegnen in den Gruben stets mehrere Bestattungen, die aufgrund der gleichen Höhenlage offenbar jeweils gleichzeitig beigesetzt worden waren. Es fällt auf, dass es sich in allen Fällen um je einen Erwachsenen mit einem, einmal auch mit drei Kindern, handelt. Die Erwachsenen fanden sich dabei durchweg am Westrand der Grube, die Kinder dagegen stets am Ostrand. Möglicherweise deutet sich hier eine zumindest lokal ausgeübte regelhafte Bestattungssitte an.

Im Unterschied zu regulären Gräbern, die sich in Friedhöfen abseits der Ansiedlung finden, war keinem der Siedlungsbestattungen Beigaben wie etwa Töpfe mit Speisen oder Getränken mitgegeben worden. Allerdings waren – einschließlich des oben genannten unklaren Befunds - immerhin vier der Toten, darunter drei Frauen sowie ein Mädchen, mit persönlichem Schmuck und sonstigen Trachtbestandteilen ausgestattet. Die Frauen wiesen je ein Paar bronzener Armringe auf, von denen sich einer am linken und einer am rechten Handgelenk fanden. In zwei Fällen handelte es sich um dünne massive geschlossene Ringe mit D-förmigem und rundem Stabquerschnitt. Interessanterweise trugen die beiden Frauen, die im Übrigen in benachbarten Gruben zutage traten, je einen Ring mit D-förmigen Querschnitt am rechten und einen rundstabigen Ring am linken Arm. Normalerweise würde man gleichartige Ringsätze erwarten, wie sie etwa bei dem genannten unsicheren Befund begegnen. Bei dem Armringpaar aus jener Grube handelt es sich um offene Hohlarmringe, bei denen ein Bronzeblech wohl über einem Holzring rundstabig zurecht gebogen worden war. Das Mädchen dagegen besaß keine Armringe. Stattdessen fand sich ein bronzener Fingerring eine kleine Gürtelschließe und auf Höhe der Schläfe mehrere sehr dünne Bronzedrahtringlein, die der Feinheit wegen wohl weniger als Ohrringe sondern eher als Besatz eines Kopftuchs oder einer Mütze zu deuten sind.

Die Gründe für Siedlungsbestattungen liegen bislang im Dunkeln. Sie unterscheiden sich in der Art und Weise der Niederlegung deutlich von regulären Gräbern, so dass es sich wohl nicht um „normale“ Beisetzungen in Siedlungsgruben anstatt in Grabgruben handelt. Da sich zudem, zumindest in Leingarten, spezifische Begräbnisregeln abzeichnen, scheint eine spezielle Absicht hinter den Siedlungsbestattungen zu stehen. Erwogen wurde bereits Vieles, etwa dass es sich um Mord- oder Kriegsopfer, um Hinrichtungen oder um die Beseitigung Kranker, Behinderter, Sklaven oder unliebsamer Dorfbewohner handeln könnte. Für keine dieser Erklärungsversuche liegen indes klare Belege vor. In der Regel finden sich weder Hinweise auf eine gewaltsame Tötung oder Krankheit – beides muss sich freilich nicht unbedingt am Skelett manifestieren – noch auf körperliche Deformationen. Bezüglich Altersverteilung, körperlichem Zustand und Schmuckausstattung fügen sich die in Siedlungsgruben Bestatteten viel mehr weitgehend in das allgemeine Bevölkerungs- und Trachtspektrum ein. Weiter war etwa auch gemutmaßt worden, ob nicht die bevorzugte Lage in Getreidesilos eine Rolle spielt, die Bestattungen also mit einem Fruchtbarkeits- bzw. Aussaat- oder Ernteritual in Zusammenhang stehen könnten und es sich demnach gegebenenfalls um Menschenopfer handelt. Solange wir freilich die genaue Todesursache der Verstorbenen nicht kennen, bleibt auch diese Hypothese, ebenso wie eine Reihe weiterer Erklärungsversuche, vorerst Spekulation. Siedlungsbestattungen sind somit nach wie vor ein Rätsel. Es steht zu hoffen, dass die zunehmende Zahl derartiger Befunde schließlich zu dessen Lösung führen wird. Die neuen Funde aus Leingarten tragen dazu bei.

(Text: Uwe Grünwald; Foto: Viktor Ivanc; Landesamt für Denkmalpflege BW)
Anmerkung: Bei Rückfragen bitte an Hr. Grünwald wenden: Telefonnummer: 0172 5474268

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